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Vermehrung


Zwischen Januar und Februar sind die Weibchen paarungsbereit. In dieser Zeit wirbt das Männchen teils intensiv um die Weibchen. Dabei rammt er das Weibchen und versucht in deren vordere Extremitäten zu beißen. Auf diese Weise zwingt er sie zum Stehenbleiben.
Zu einer erfolgreichen Paarung kommt es jedoch nur dann, wenn das Weibchen auch dazu bereit ist.

Nur dann bleibt sie stehen und ermögliche dem Männchen das Aufreiten. Während des Aktes wirft sie den Kopf von einer Seite auf die andere. Das Männchen stößt mit weit aufgerissenem Maul zirpende Geräusche aus. Diese entstehen, wenn die Atemluft heftig und stoßweise über die Luftröhrenöffnung streift. Eine einzige erfolgreiche Paarung reicht aus, um die Eier des Weibchens für mehrere Jahre zu befruchten.

Zu intensive Paarungsversuche können zu Verletzungen an der weiblichen Kloake führen und sollten möglichst vermieden werden. Ein zu triebhaftes Männchen sollte von den Weibchen, zumindest zeitweise, getrennt werden.

Die Geschlechtsreife beginnt bei meinen Weibchen ab einem Körpergewicht zwischen 280 g und 300 g. Dieses Gewicht erreichen sie üblicherweise zwischen dem 6. und 8. Lebensjahr. Die wesentlich kleineren Männchen sind bereits ab 150 g paarungsbereit.

Gruppenzusammensetzung und Geschlechtertrennung

Ich selbst halte eine größere Gruppe von derzeit einem Männchen und sieben Weibchen auf einer Fläche von 9 m². Da gibt es naturgemäß keine Kommentkämpfe, stehen meinen einzelnen Männchen doch viele Weibchen ohne Konkurrenz zur Verfügung.
Eine gemeinsame Haltung von mehr Männchen kann gut funktionieren, allerdings dürfen die Kerle kein Weibchen in ihrer Nähe wittern.

Bei einer geschlechtlich gemischten Gruppe sollten immer mehr Weibchen einem Männchen gegenüberstehen.

Bei einer ungünstigen Gruppenzusammenstellung wird bisweilen das Immunsystem einzelner Tiere durch hohe Stressbelastung derart herabgesetzt, dass diese erkranken und letztendlich sogar eingehen können.

Es ist immer notwendig, die Tiere genau zu beobachten, auf ihre Aktivität zu achten, sie bei der Nahrungs- und Wasseraufnahme zu sehen, um notfalls rasch einzugreifen, wenn sich ihr normales Verhalten über einige Zeit ändert.

Im April, selten schon im März, beginnt bei meinen Tieren die Eiablage. Bereits einige Tage davor nimmt das Weibchen vermehrt Kalzium auf und wird von einer besonderen Unruhe getrieben. Auf der Suche nach einem geeigneten Ablageplatz rennt es viele Runden. Gelegentlich unterbricht es seinen Lauf, um mögliche Stellen auf Eignung zu prüfen. Der erwogene Ablageplatz wird genau begutachtet und auch ausgiebig berochen. Hält das Tier den Platz für geeignet, beginnt es meist an einem Vormittag die Nisthöhle auszuheben. Meine Tiere wählen für die Eiablage fast immer denselben Platz direkt in einer tiefen Steinhöhle. Dort ist das Substrat besonders weich, sandig und durch die nahestehenden Pflanzen etwas feuchter. Der Legeplatz muss aus einem weichen, gut grabfähigen Material bestehen. Fällt die Nistgrube ein, weil das Sand-Lehmgemisch zu trocken ist verlässt sie den Platz. Die Umgebung muss von der Sonne bzw. einer Lampe gut erwärmt werden.
Notfalls helfe ich mit warmem Wassers nach, um den auserkorenen Ablageplatz besonders geeignet für den Bau einer Nistgrube zu machen. Ein leicht feuchtes Sand-Lehmgemisch fällt nicht so schnell ein und gibt den Tieren guten Halt, den sie brauchen, um sich mit den Vorderbeinen am Grubenrand fest zu halten.

Das Ausheben der Nistgrube kann mehrere Stunden in Anspruch nehmen. Oft beginnen die Tiere mit den kräftigeren Vorderbeinen zu graben, drehen sich dann in der Mulde, um mit den Hinterbeinen die Nistgrube zu vollenden. Erst wenn alles passt, werden die Eier, die sich im Legedarm befinden, durch die Kloake herausgepresst und mit den Hinterbeinen gefühlsvoll an den richtigen Platz geschoben. Durch den beweglichen Plastron-Hinterlappen kann der enge Platz zwischen starrem Carapax und Plastron so gedehnt werden, dass ein Ei gerade durch die Öffnung passt. Wurden alle Eier in die richtige Position gelegt, wird die Grube mit den Hinterbeinen verschlossen. Erschöpft verlässt es nun den Platz und ruht sich im Schatten der Pflanzen aus. Für das Weibchen ist nun alles erledigt. Vertrauend auf die richtige Temperatur in der Höhle, hat es für ihren Arterhalt gesorgt.
Ein Gelege besteht üblicher Weise aus 2-4 Eiern. Etwa drei bis vier Wochen nach dem ersten folgt ein weiteres Gelege.

Die ovalen Eier sind von einer harten, weißen Kalkschicht umgeben. Sie sind kaum größer als 1,5 cm bis 2 cm. Anfangs schimmert der große Dotter leicht orangefarben durch. Nach zwei bis drei Tagen bildet sich auf der Oberseite ein weißer Fleck (Befruchtungsfleck) der langsam größer wird. Nach einiger Zeit wird das gesamte Ei strahlend weiß. Unbefruchtete Eier verändern ihre Orangetönung nicht, bleiben unverändert und bilden auch keinen Befruchtungsfleck.

In einer Brutschale aus Ton bette ich die Eier, so wie sie in der Nistgrube gelegen sind, komplett in Sand ein. So kann ich zwar keine Entwicklungskontrollen durchführen, dafür liegen die Eier aber sehr naturnahe, vom Sand fest umschlossen, und die Jungtiere haben beim Schlupf einen guten Widerstand, was den Schlupfvorgang sehr vereinfacht.
Die Luftfeuchtigkeit im Brutapparat halte ich durch ein beigestelltes Wassergefäß zwischen 70 % und 80 %. Das Substrat darf nicht zu feucht und die Eier keinesfalls nass werden.


Die Geschlechtsprägung wird, anders als bei Säugetieren nicht durch  Geschlechtschromosomen, sondern temperaturabhängig bestimmt.

Bei einer Zeitigungstemperatur von 31,5 °C schlüpfen die Jungtiere nach 90 Tagen.

Sind die Eier befruchtet kann man mittels Schier Lampe nach etwa zwei bis drei Wochen ein feines, rotes Adergeflecht durch die Eischale erkennen. Den heranwachsenden Embryo nimmt man als immer größer werdenden dunklen Fleck wahr. Bei einer starken Lichtquelle kann man sogar Bewegungen erkennen. Je weiter der Entwicklungsvorgang voranschreitet, desto lichtundurchlässiger wird das Ei.
Gegen Ende der Inkubationszeit kann ein so heller Lichtstrahl einen zu frühen Schlupf einleiten.

Wie bei allen paläarktischen Landschildkröten bricht das Jungtier mittels Eizahn von innen die Eischale auf. Langsam und mühsam arbeitet sich die kleine Schildkröte voran, bis sie die Eischale und danach die Nistgrube verlassen kann. Der Schlupfvorgang kann wenige Stunden, aber auch Tage, in Anspruch nehmen.
Normalerweise ist der Dottersack zu diesem Zeitpunkt komplett absorbiert. Nur ein kleiner, bereits geschlossener Spalt zeigt, wo dieser sich befunden hat.
Der noch nicht ausgehärtete Panzer wirkt sehr filigran und zeigt eine ganz eigene Zeichnung. Diese typische „Würmchenzeichnung“ verliert sich mit der Zeit und auch der Panzer härtet bis zum 2 Lebensjahr vollständig aus. Davor ist er zwar keineswegs weich, sondern, wie unsere Fingernägel, elastisch.

Unmittelbar nach dem Schlupf setze ich meine Jungtiere auf einen flachen Teller mit handwarmem Wasser, was sie sofort zum Trinken anregt.
Für gewöhnlich schlüpft eine Testudo Kleinmanni zwischen 5 und 8 Gramm.

Da die Inkubationszeit durch die künstliche Bebrütung nicht dem natürlichen Zeitraum der Naturhabitate entspricht, schlüpfen die Tiere bei mir zu einer sehr ungünstigen Zeit, nämlich genau im Sommer, der Zeit der Ästivation. Zu dieser Jahreszeit sind alle meine adulten Tiere völlig inaktiv, stecken, wie beschrieben, unbeweglich in engen Höhlen bzw. in den Wurzelballen überstehender Grasbüschel. Eben geschlüpfte Jungtiere würden unter diesen Bedingungen schnell dehydrieren und hätten nur wenige Überlebenschance.

Aufzucht

Im natürlichen Verbreitungsgebiet verlassen die Kleinen erst im Herbst mit den ersten Regenfällen ihre Nistgrube. So werden sie mit ausreichend Flüssigkeit, reichlich Nahrung und einem angenehm gemäßigten Klima versorgt.

Aus diesem Grund halte ich es für sinnvoll, Jungtiere, die zu dieser unnatürlichen Jahreszeit schlüpfen, in einem eigenen Terrarium zu pflegen, in dem die klimatischen Bedingungen eher dem nordafrikanischen Winter angepasst sind.


Ich setze deswegen meine Nachzuchten unmittelbar nach dem Schlupf in den Wintergarten in dem auch die adulten Tiere leben. Allerdings halte ich dort einen eigenen, abgegrenzten „Babybereich“ bereit. Dieser befindet sich unter einem Olivenbäumchen, direkt an einer Schiebetüre, durch die ich gut für frische Luft sorgen kann. An warmen, sonnigen Tagen steht diese offen, sodass die Sonne direkt und ungefiltert, in diesen Bereich scheinen kann. Dort habe ich viele Gräser und Futterpflanzen ausgesät, welche inzwischen zu stattlichen Pflanzen herangewachsen sind. Natürlich müssen diese Pflanzen, im Gegensatz zu denen im restlichen Wintergarten, gut gegossen werden. Um die kleinen Schildkröten jedoch nicht auf nassem Boden laufen zu lassen, wird dieser Platz mittels mehrerer Tonröhren von unten gegossen. So finden die Winzlinge trotz heißem Wintergarten ein anderes Klima vor als die Adulten. Es scheint so, als würde sich in der heißen, wüstenartigen Steppenlandschaft eine kleine Oase befinden. Durch diese wesentlich feuchtere Oase wird die gesamte Luftfeuchtigkeit im „Kleinmanni-Haus“ positiv beeinflusst.
Den Jungtieren steht so eine Vielzahl an Futterpflanzen zur Verfügung. Besonders gerne fressen sie Blüten, wie die der Nachtkerze, Kornblume, Rose und des Hornklees, und vieles, was im Sommer auf unseren Wiesen wächst.
Möglichst zeitig am Morgen besprühe ich die in diesem „Babyteil“ wachsenden Pflanzen. So versuche ich morgendlichen Tau zu simulieren. Die Tropfen werden von den Tieren gierig aufgeleckt. Eine flache Trinkschale (eine Tonplatte, in der lediglich eine Mulde eingedrückt ist) steht den Kleinen immer zur Verfügung. Diese wird jedoch nie in diesem Ausmaß genutzt, wie die feuchten Blätter am zeitigen Morgen.
Um ganz sicher zu sein, dass alle meine Jungtiere genügend Wasser aufnehmen, setze ich sie regelmäßig, im Abstand von zwei bis drei Wochen, in eine flache Wasserschale. Das entspricht zwar nicht den natürlichen Bedingungen, meine Tiere scheinen es jedoch zu genießen, sie nehmen reichlich Wasser auf und setzen Kot und Urate ab.
Dadurch habe ich eine gute Kontrolle über den Gesundheitszustand. Aus hygienischen Gründen setze ich jedes Tier in ein eigenes Badegefäß.

Die Kleinen wachsen sehr rasch heran. Innerhalb des ersten Jahres haben sie ihr Schlupfgewicht oft bereits verdrei- oder sogar vervierfacht. Meist wiegen sie nach dem ersten Lebensjahr zwischen 20 und 30 Gramm. Danach wachsen sie deutlich langsamer. Meine Zweijährigen wiegen zwischen 40 und 50 Gramm. Mit drei Jahren bringen meine Tiere durchschnittlich ein Gewicht zwischen 60 bis 70 Gramm auf die Waage. Mit diesem Gewicht kann man meistens schon das Geschlecht erahnen.
Eine Kalziumquelle muss den Jungtieren immer zur Verfügung stehen. Meine Kleinen knabbern sehr gerne und ausgiebig an einer ganzen Sepiaschulpe. Problemlos schaben sie mit den Kauleisten ganze Stücke ab. Dabei werden gleichzeitig Ober- und Unterkiefer geschliffen und es kommt zu keinem Überschnabel.

Zwischen Januar und Februar vergesellschafte ich die Jungtiere mit den Adulten. Sie sind dann circa 8 Monate alt. Dazu öffne ich lediglich ein Element der Abgrenzung. Bald finden die Kleinen selbständig nach draußen. Nun steht die kleine Oase allen Tieren zur Verfügung. Erst Ende Mai wird diese wieder geschlossen und neu eingesät, um dem neuen Nachwuchs rechtzeitig als Sommerquartier zur Verfügung zu stehen.
Die Kleinen sind nun alt genug, um gemeinsam mit den Alttieren ihren ersten heißen und trockenen Sommer gesund zu überstehen.

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Christine Dworschak

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